Martin Binder

Spitzenplatz

2022

Eine Sprintbahn schlängelt sich spielerisch über die Spitze im Nord-Westen der Mierendorffinsel. Sie kreuzt den bestehenden Fußweg, macht neben dem Weg einen Looping und windet sich auf der benachbarten Wiese auf und ab. Die Skulptur bildet Sitz-, Aufenthalts-, und Spiel- Gelegenheiten aus und wird zum künstlerischen Erkennungszeichen der Mierendorffinsel. Spiel, Sport und Kunst verbinden sich in der Skulptur, die für die räumlichen Gegebenheiten des Kunst-Standortes am nord-westlichen Ende des Mierendorff-Rundwegs konzipiert ist.
Die Reminiszenz an eine Tartan-Sprintbahn ruft Assoziationen zum sportlichen Wettkampf hervor. Mit ihren spielerischen Kurven, ihren An- und Abstiegen und dem Looping erzeugt die Laufbahn an der Inselspitze jedoch Irritation und untergräbt beschwingt den Leistungsgedanken. Diese Laufbahn ist nicht eben und dient nicht dem Leistungssport, wodurch sie zur spielerischen Nutzung durch Besucher:innen animiert. Niemand soll hier siegen, es kommt nicht auf Geschwindigkeit an – der Spitzenplatz ist für alle. Der Ersteindruck ist paradox. Die ver- traute Laufstrecke aus dem Leistungssport oder dem Sportunterricht scheint nicht vereinbar mit der verspielten Formgebung zu sein. So rückt der Spaß bei diesem Kunstwerk in den Vordergrund, der sich den Betrachter:innen durch die Entfremdung der Laufbahn unmittelbar offenbart – Spaß am Ausprobieren, am Lernen, an der Bewegung an der frischen Luft und am gemeinsamen Benutzen. Die beiden Hügel der Bahn können mit Tretroller, Inlineskates, Skateboard oder BMX-Rad befahren werden. Besonders für weniger Erprobte und für Klein- kinder sind die sanften Hügel eine ideale Übungsstrecke. Durch Auflockerung und das Abweichen von vorgezeichneter Konvention kann Spiel und Improvisation entstehen.
Der Entwurf „Spitzenplatz“ lässt sich in zwei Teile gliedern: einen 4 Meter hohen Looping, der als Metallkonstuktion realisert wird, und einer verfremdeten Laufstrecke mit 2,20 Meter Breite aus durchgeärbtem Asphalt, die über zwei sanfte Hügel verläuft, die Teil der Umgestaltung der Grünfläche sind. Asphaltbahn und Looping werden seitlich von einem Band aus verzinktem Stahl eingefasst. Dort, wo der Looping in einer Stufe als Sitzgelegenheit endet, ist das Beton- fundament mit Blech aus feuerverzinktem Stahl verkleidet. Gegenüber dem Entwurf aus der ersten Wettbewerbsphase wurde auf die Verwendung des wartungsintensiveren Tartanbelags verzichtet und stattdessen wartungsfreier, durchgefärbter Asphalt mit Fahrbahnmarkierungen gewählt. Auch die Versiegelung des Bodens wurde erheblich reduziert.
Visuell erzeugt der 4 Meter in die Höhe ragende Looping eine deutliche Fernwirkung und eine Eingangssituation zur Insel mit hohem Wiedererkennungswert. Die rote Farbgebung hebt das Kunstwerk deutlich von seiner Umgebung ab. Zugleich definiert dieser orts-spezifische Entwurf die Grünfläche. Sie wird zu einem einladenden Ort mit Aneignungsbereichen und Sitzgelegenheiten mit Blick auf Spree und Kanal.
Der gesamte Ort wird durch die künstlerische Arbeit belebt, wodurch auch die weiteren Bereiche der Grünfläche aktiviert werden. Die Wahrnehmung als Angstraum wird in einen angenehmen öffentlichen Ort transformiert. Es soll eine begehbare, bespielbare, besitzbare Kunst im öffentlichen Raum entstehen, welche die Nutzung durch verschiedenste Gruppen der heterogenen Stadtgesellschaft ermöglicht. Die für die Mierendorff-Insel konzipierte Arbeit vereint zahlreiche Themen des Insel-Rahmenplans: Sport, Bewegung und Spiel, Kunst, Aufenthalt, Erholung, Natur und Verknüpfung.
Das Kunstwerk birgt das Potential, eine identitätsstiftende Wirkung für die Bewohner:innen der Insel zu entfalten; weithin sichtbar, wiedererkennbar und sympathisch. Durch begleitende Maßnahmen des Rahmenplans wie attraktive Sitzgelegenheiten und durchdachte Beleuchtung kann für die heterogenen Nutzer:innen-Gruppen ein Ort mit sehr hoher Aufenthaltsqualität entstehen. Der „Spitzenplatz“ schafft eine gesteigerte Wahrnehmbarkeit für die Insel und lädt zum Verweilen ein.

Looping als Sitzgelegenheit und Sportbahn

Blick in Richtung Norden