Martin Binder

closet - Denkmal für die homosexuellen Männer und Frauen, die von dem NS Regime verfolgt wurden

2022

Am Kunststandort im Resselpark erzeugt das „Denkmal für die homosexuellen Männer und Frauen, die von dem NS Regime verfolgt wurden“ Irritation. Die aus dem Wiener Stadtbild vertraute Form der öffentlichen Toilette ist auf ein metallenes Gerüst reduziert, das einen gläsernen Kubus umschließt. Wand- und Dachflächen sind transparent und erlauben den freien Durch- und Einblick. Im Inneren des Körpers herrscht vollkommene Leere. Die Transparenz der Wände erscheint unvereinbar mit der vertrauten Formgebung einer öffentlichen Toilette – einem Ort, der sich durch Sichtschutz definiert.

Im Dunkeln wandelt sich das Erscheinungsbild des Denkmals. Die tagsüber transparenten Glasscheiben werden undurchsichtig. Eine sanfte Beleuchtung erhellt den gläsernen Kubus von innen heraus. An den Wänden zeichnen sich menschliche Silhouetten ab, die sich kaum merklich bewegen, als würden sie ganz langsam das Innere des Kubus‘ abschreiten.

Die Arbeit entfaltet je nach Tageszeit unterschiedliche Wirkungen und bietet vielschichtige Erfahrungsebenen. Die Silhouetten in realen menschlichen Dimensionen schaffen einen direkten Bezug zu den einzelnen Frauen und Männern, denen das Denkmal gewidmet ist und bieten individuelle Identifikations- und Anknüpfungspunkte für die Betrachtenden. Die Nicht- Abgeschlossenheit des Gedenkens wird durch die ephemere Komponente der wechselnden Silhouetten hervorgehoben. Dieses zeitgemäße Denkmal ist ein lebendiges Denkmal, ein Denkmal mit Bewegung, das zu bewegen vermag. Es regt sowohl die intellektuelle als auch die persönliche Auseinandersetzung mit der Verfolgung homosexueller Männer und Frauen an.
Die öffentlichen Bedürfnisanstalten, ebenso wie öffentliche Badeanstalten und Grünanlagen, waren wichtige Treffpunkte für Homosexuelle in Wien. Für einige waren es die einzigen Orte, an denen homosexuelle Handlungen überhaupt möglich waren. Mit zunehmendem Druck durch die Beobachtung und Verfolgung von homosexuellen Aktivitäten zu Kriegsbeginn 1939 rückten diese öffentlichen Orte in den Fokus der Nationalsozialisten. „Die Beamten der Wiener Kriminalpolizei wurden, um Homosexuelle in flagranti zu erwischen, selbst aktiv, indem sie einschlägige, als Homosexuellen-Treffpunkte bekannte Bäder und Bedürfnisanstalten observierten.“ (Auszug aus dem Bericht „Gedenkzeichen für Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit“ Abschlussbericht, Kurzfassung von Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher). Die Transparenz des Entwurfs deutet auf die Observierung der öffentlichen Toiletten durch die Wiener Kriminalpolizei hin und den damit einhergehenden Verlust von geheimen Treffpunkten im öffentlichen Raum der Stadt.
Der Entwurf „closet“ greift die Bezeichnung Closet-Häuschen (von französisch „geschlossenes“ Häuschen) auf, ebenso wie das heute geläufige Sprachbild „(to) be in the closet“ aus englischsprachigen Raum (Entsprechungen auch in weiteren Sprachen vorhanden), mit dem Menschen bezeichnet werden, die ihre Nicht-Heterosexualität geheim halten. Die Nicht- Einsehbarkeit bzw. Geschlossenheit, die wesentlicher Bestandteil einer öffentlichen Toilette ist, wird durch die Transparenz der Skulptur aufgehoben. Zugleich spielt der Titel auf die Notwendigkeit für Homosexuelle Frauen und Männer an, ihre Sexualität geheim zu halten. Ein Leben als offen schwuler Mann oder als offen lesbische Frau wurde im NS Regime lebensbedrohlich. Mit der Observierung geheimer Treffpunkte der homosexuellen Subkultur in Wien wurde auch das geheime Ausleben der eigenen Sexualität für viele Frauen und Männer immer riskanter und so wurde es überlebenswichtig „in the closet“ zu leben. In vielen Regionen der Erde ist es auch heute lebensgefährlich, die eigene Homosexualität offen auszuleben. So schlägt das Denkmal eine Brücke zwischen der Verfolgung im NS-Regime und der heutigen Verfolgung homosexueller Menschen aufgrund ihrer Sexualität.

Das orts- und kontext-spezifisch konzipierte Denkmal ist unter Gesichtspunkten der Barrierefreiheit gut zugänglich und erlebbar. Die steinerne Bodenplatte, die dem Niveauausgleich des abschüssigen Bodens am Kunststandort dient, orientiert sich an den bestehenden öffentlichen Toiletten Wiens nach Vorbild des von der Firma Beetz entwickelten Modells (siehe Abschnitt: Historische Referenz). Ganz bewusst wird die Bodenplatte nicht zu einem Sockel erhöht, auf dem die Skulptur thront. Vielmehr soll er erste Eindruck an eine reale öffentliche Toilette erinnern. Lediglich eine Inschrift auf der Hauptansichtsseite der Bodenplatte erinnert an einen Sockel, wobei sich der Schriftschnitt an der Typografie der originalen Wiener Toilettenbeschriftung aus den 1930er Jahren orientiert.

Das prägnante Denkmal erzeugt trotz seiner zurückhaltenden Farb- und Formgebung eine gute Sichzbarkeit und verfügt über einen hohen Wiedererkennungswert. Es hat das Potential, zum lebendigen Treffpunkt für die LGBTQIA+ Community Wiens zu werden und auch über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus Beachtung zu finden. Im Zentrum des Entwurfs steht das würdevolle Gedenken an die homosexuellen Männer und Frauen, die von dem NS Regime verfolgt wurden. Dieses Gedenken ist nicht abgeschlossen. Die Leere im Inneren des gläsernen Körpers kann als Sprachlosigkeit ob des unermesslichen Unrechts verstanden werden, das den Männern und Frauen wiederfahren ist, denen dieses Denkmal gewidmet ist. Die nächtlich auftauchenden Silhouetten sind stille Zeugen der NS Verbrechen. Sie schaffen den Spagat zwischen Abstraktion und Einzelschicksal, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Historische Referenz
Die Firma „Wilhelm Beetz“ stellte in Wien im Jahr 1883 die erste „Bedürfnisanstalt für Personen beiderley Geschlechts“ nahe der Landstraße auf. In den darauffolgenden Jahren entwarf die Firma Beetz zwei Grundtypen: zum einen die großen rechteckigen „Bedürfnisanstalten“ aus Eisen oder Holz, mit Pissständen und mehreren getrennten WC-Zellen für Frauen und Männer, zum anderen die kleinen Pissoirs, wie das Wandpissoir oder das „Wiener Pavillon Pissoir“, auch Brunzhüttn oder Rotunde genannt. In Wien wurde 1939 mit 171 Pissoirs der Höchststand an Beetz‘schen Urinalien erreicht. Heute sind davon noch 16 in Betrieb, das älteste stammt aus dem Jahr 1897 und steht am Bischof-Faber-Platz im 18. Bezirk. Bis zum Ende der 1930er Jahre wurden außerdem 94 Bedürfnisanstalten (also Kabinen plus Pissoirs) und 14 Sonder- und Parkanstalten in Wien aufgestellt. Auch davon gibt es noch einige in Wien, neben der Jugendstilanlage am Graben zum Beispiel die älteste Eisen-Anstalt aus dem Jahr 1898 im 16. Bezirk am Richard-Wagner-Platz. Obwohl die Firma Beetz ebenfalls in Budapest, Paris und Berlin öffentliche Toiletten errichtete, waren sie nirgends so zahlreich wie in Wien, wo bis heute die meisten Beetz-Toiletten erhalten sind.

Darstellung des Entwurfs bei Tag: die Form einer öffentlichen Toilette mit transparenten Glaswänden eröffnet den freien Blick in die Leere im Inneren.

Darstellung des Entwurfs bei Nacht: menschliche Silhouetten erscheinen an den opaken Glasscheiben des von Innen beleuchteten Körpers.

Standortdarstellung des Entwurfs in Fotografie: Seitenansicht. Fotografie entnommen aus Wettbewerbsunterlagen.