Hannah Rath

T HERE

Ein Projekt von Hannah Rath mit Tandem Kunsttransporte.
Fünf LKW Der Kunstspedition wurden von Hannah Rath gestaltet.

Bewegtes Sprachbild
Zu einem Projekt von Hannah Rath

Der einzelne Buchstabe macht den Unterschied. Dieses elementare Prinzip von Schriftsprachlichkeit ist so schlicht wie umfassend – und dabei bisweilen äußerst wirkungsmächtig. Die Künstlerin Hannah Rath experimentiert in ihrer Arbeit mit solchen Differenzen und stößt subtile Möglichkeiten zu mehrschichtigen Lesarten an, die sich dann im Zuge von Lektüre- und Wahrnehmungsprozessen herstellen und über flächige oder räumliche Verortung von Schrift organisiert sind. Ihr Werk bewegt sich dabei zwischen minimalistischem Sprachbild, raumbezogener Installation und literarischer (Konkreter) Poesie: ein Spannungsfeld, in dem es um das Wechselspiel von
Bedeutungsgehalt und schriftsprachlicher Erscheinungsform geht: Ein Buchstabe ist darin stets auch aufgefasst als Bild, eine Gestalt also, die eine zugewiesene Größe, Farbe, Kontur und einen Träger hat. Von diesem Gedanken aus besteht einer der Kernpunkte in Raths Arbeit darin, die im Schriftprinzip angelegte Verräumlichung der
Bedeutungswerdung in installativen Kontexten weiter zu entfalten und auszudeuten.
Die Raumstruktur des Sprachlichen kommt beispielsweise in der Form des Anagramms oder des Palindroms zum Ausdruck: Wechsel der Leserichtung oder Vertauschung von Buchstaben lassen dort neue, mehrstimmige Bedeutungscluster entstehen. Solche Strukturen interpretiert Rath etwa in LOOP/POOL (2014) oder, leicht abgewandelt, auch in UNDO REDO: Letzteres eine Arbeit, die sie 2014 als transparent- kleinformatigen Siebdruck auf Glas, aber auch zuvor bereits als großformatige Wandmalerei realisierte. In Versalien gesetzt, sind darin UND und ODER farblich voneinander abgehoben. Die kreisförmige statt lineare Zeilenführung hält beide Wörter latent verknüpft, wobei das UND normal, das ODER aber in Spiegelschrift wiedergegeben ist – eine räumlich quasi doppelgesichtige Schriftdarstellung. Dabei steht das O am Scheitelpunkt des Zeilenzirkels und bildet – als der hier spiegelbildlich einzige neutrale Buchstabe – den Umschlag- und Verknüpfungspunkt zwischen den Wörtern. Und plötzlich steht einem eine überraschende weitere Lesart vor Augen: Aus den deutschen Wörtern „und“ und „oder“ wird das englische „undo“, (= löschen, auflösen), begleitet von „redo“ (= wiederholen, erneut tun), und eher beiläufig bringt auch ein „red“ gedanklich Farbe ins Spiel.
In ihrem aktuellen Projekt (T)here (2014) stellt Rath die Verflechtung von Räumlichkeit und Textualität noch einmal anders her: Ausgangspunkt ist das englische Begriffspaar „here“ und „there“, zwei relationale Begriffe für Verortung also, die eine räumliche Differenz benennen. Erneut ist es bloß ein Buchstabe, der den Unterschied macht – eine für Rath typische minimalistische Ökonomie. Darin ist eine Differenz markiert, die vom Punkt des Sprechers aus, dem „Here“, eine nicht näher zu bestimmende Ferne anvisiert, ein „Nichthier“ eben, ein „There“.
Rath entwickelte daraus eine Textinstallation, die das „Here“ und „There“ in reale Mobilität einbettet: Fünf Transportwagen einer Kunstspedition, die in ganz Europa unterwegs ist, machte sie zu Trägern eines Textbilds. Die Fahrzeuge sind einheitlich grau, die Rückseite der Wagen, eine Fläche von gut zwei mal zwei Metern, ist jeweils mit dem Wort „HERE“ versehen, links davon und höher ansetzend steht ein „T“. Ein einfaches abstraktes Sprachbild also: von hier nach da und wieder zurück. Autofahrer, die eines dieser Fahrzeuge überholen, sehen auf der Seite dann ein weiteres Bild: zwei sich kreuzende Flächen, bestehend aus einem Feld regelmäßig angeordneter,
weißer Buchstaben und einem nicht ganz rechtwinklig darüber liegenden blauen Punktraster. Rath arbeitet hier wie schon in früheren Werken („POEM“, 2013) mit dem sogenannten Moiré-Effekt: Die gleichmäßigen Abstände der Raster sind so berechnet, dass sie das jeweilige Buchstabenfeld auf ganz bestimmte Weise durchscheinen lassen. Die Buchstaben werden komplett verdeckt oder teilweise angeschnitten. Dieses Zusammenspiel von Verdecken und Zeigen lässt dann verblüffenderweise exakt jenen Buchstaben in großem Format erscheinen, der dem jeweiligen Textfeld zugrundeliegt – also etwa ein großes „H“, das aus dem Feld vieler kleingedruckter „H“s hervorgeht. In der Arbeit (T)here hat Rath je eines dieser Buchstabenterrains, also „T“, „H“, „E“, „R“ oder „E“, auf fünf Fahrzeuge verteilt. Der sich aus der Überlagerung herschreibende Moiré-Effekt transformiert die flächige Letternverteilung zu einer Art von Erscheinung, synthetisiert aus dem Nebeneinander der Buchstaben die Gestalt erneut und in buchstäblich anderer Auflösung. Zugleich ist es ein Moment flüchtiger Imagination: Quasi im Vorbeifahren erhascht, wird es für den Betrachter wohl niemals im Wortzusammenhang zu lesen sein. Auf zahllosen Wegen der Fahrzeuge „von hier nach dort“ löst sich so auch der reelle Wortzusammenhang ins Fragmentarische auf – in gleichem Maße, wie er sich als Vorstellungsbild einheitlich konstituiert. Die Aufschrift „T“/„HERE“ am Heck der Lastwagen führt einen Lesekontext vor Augen. Doch jede Begegnung mit einem dieser mobilen Sprachbilder Raths wird dann auf den räumlich entfernt kursierenden Rest verweisen. Der Augenblick, das Lesen, das ist das „Here“. Das imaginierte Abwesende, es bleibt abwesend – es ist ein „there“.
Jens Asthoff

T HERE
Ein Projekt von Hannah Rath mit Tandem Kunsttransporte.
Fünf LKW Der Kunstspedition wurden von Hannah Rath gestaltet.
2014–2015