Sonya Schönberger

Clean Square

2018

Clean Square, auf dem Gelände der ehemaligen Australischen Botschaft der DDR

Als vor circa 5.000 Jahren der Ackerbau seinen Anfang fand, mussten sich die sogenannten Wildkräuter an die sich mehrfach ändernden Gegebenheiten anpassen. Arten, die das nicht konnten, starben vermehrt aus, die anpassungsfähigen wurden gefördert. Im zeitgenössischen Ackerbau spielen Kalkung und Düngung eine große Rolle, wodurch sich die ursprünglich gezielt unterschiedlichen Böden anglichen, was den Lebensraum der Wildkräuter noch stärker eingeschränkte.
Über den vermehrten weltweiten Handel der letzten Jahrhunderte, kamen viele weitere unerwünschte Pflanzenarten nach Europa und einige von ihnen passten sich dort den Gegebenheiten an. Als Unkraut wird seit jeher eine Pflanze bezeichnet, die nicht gezielt angepflanzt wird, dadurch unter Umständen unerwünscht wächst und entfernt gehört. Es kann auch den Wuchs und die Gewinnung der sogenannten Kulturpflanzen schädigen. Über den Versuch der Ausrottung der Unkräuter kommt es zur Verarmung des Artenreichtums was auch das Aussterben vieler Tierarten zur Folge hat. Das Ökosystem wird durch die Bekämpfung der Unkräuter brutal und unwiederbringlich gestört. Jede Art stellt allerdings eine einmalige Kombination genetischer Information dar und ist somit ein essentieller Teil unserer Lebensräume. Eine artenreiche und vielfältige Naturausstattung ist wichtig für den Menschen und dient seinen psychologischen Bedürfnissen. In der Stadt können die Unkräuter als Pionierpflanzen verstanden werden. Berlin mit seinen zahlreichen sozialen und räumlichen Umbrüchen ist seit jeher ein idealer Ort für sie gewesen mit seinen Brachen und Bereichen mit ungeklärter Nutzung. Wo es Veränderungen auch temporärer Art gibt, sind die wilden Kräuter wirklich wild und finden ein neues Zuhause. Ihre langen Wurzeln haben Platz in den Spalten und auf den sandigen Hügeln. Sie erlauben es sich, dass Gewesene in Vergessenheit geraten zu lassen und offerieren uns einen neuen Blick. Darf das wilde Kraut nicht mehr wachsen, kommen Flächen zum Vorschein, die suggerieren das zu sein, nachdem wir uns zu orientieren haben.

In der Arbeit „Clean Square“ betrachte ich Pflanzen aus einem anderen Blickwinkel. Aufgrund des Leerstands des prestigeträchtigen Grundstücks lud ein Immobilienunternehmen KünstlerInnen für eine begrenzte Zeit ein, das Gebäude zu nutzen, bis das Haus in Eigentumswohnungen umgewandelt werden wird. Die Bereiche rund um das Gebäude wurden in dieser Zeit vernachlässigt, so dass sich viele ungebetene Pflanzen auf der Terrasse ausbreiten und ihre Schönheit zwischen den Steinen entfalten konnten. Diese Pflanzen haben jedoch zumindest in Deutschland einen schlechten Ruf, wo man sie „Unkraut“ nennt, und sie somit ihrer Identität enthebt - sie sind nicht einmal ein Kraut, sie sind von keinerlei Wert. Normalerweise sind solche Pflanzen nicht in gepflegten und kultivierten Gärten erlaubt und können nur still vor sich hinwachsen, bis sie entdeckt werden. Diese Nicht-Pflanzen wurden für mich zu einem Symbolen der Gentrifizierung in meiner Heimatstadt Berlin, wo den KünstlerInnen der Raum genommen wird, nachdem sie einen Mehrwert geschaffen haben. Also habe ich auf der Terrasse der ehemaligen australischen Botschaft eine bestimmte Fläche gesäubert, jedoch das Unkraut gerettet, in keramische Werke von Beate Bendel, einer Schülerin von Hedwig Bollhagen (DDR-Keramikerin, die die Fassade des Gebäudes künstlerisch gestaltet hat) getopft und die Pflanzen definiert. Ihr Ursprung, ihr früherer Wert als Heilpflanzen - immerhin 90% der gefundenen Pflanzen - wurden dann in einer öffentlichen Aktion per Lotterie an das Publikum verteilt. Die Empfänger des „Preises“ wurden dann gebeten, sich um ihr „Unkraut“ zu kümmern, seinen Wert zu verstehen und in ihre Umgebung einzuladen.

Clean Square, 2018

Clean Square, 2018, Performance, Verlosung der Pflanzen in den keramischen Objekten

Clean Square, 2018, Detail, Hirtentäschel in Keramik vor der Verlosung