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Das Atelieranmietprogramm geht nur schleppend voran - Warum?

Update: 05.07.2018

Die Arbeit des Atelierbüros und des Atelierbeauftragten ist bei Neubau- und Kooperationsprojekten recht erfolgreich. Gleichzeitig wird die Unterstützung und Beratung von Künstler*innen in bedrohten Atelierstandorten ein immer dringlicheres und wichtigeres Arbeitsfeld. Jedoch die Arbeitssituation im Rahmen des Atelieranmietprogrammes gestaltet sich unbefriedigend.

Nur 81 neue Ateliers in den letzten zwei Jahren

In diesem Rahmen konnten in den letzten zwei Jahren nur 81 neue Ateliers ausgeschrieben und vergeben werden. Das sind natürlich viel zu wenige. Mit dieser Feststellung, die auf die Arbeitsraumförderung der anderen Kunstsparten übertragbar ist, stimmen alle überein. Auch die Berliner Senatskulturverwaltung hat die Defizite erkannt. In der Berliner Landespolitik gibt es nun – was gut ist – eine Diskussion darüber, wo die Ursachen der nur schleppenden Erschließung neuer Arbeitsräume liegen und was dagegen zu tun ist. Darüber wollen wir Sie informieren.

Atelierbüro, Atelierbeauftragter und Atelieranmietprogramm

Atelierförderung und Einrichtung des Atelierbüros und seine Arbeit gehören zusammen; beide sind vor rund 25 Jahren auf Initiative und nach grundlegenden Konzepten der Berliner Künstler*innen und ihrer Berufsvertretung, des bbk berlin, entstanden. Als gemeinnützige Initiative des bbk berlin wird das Atelierbüro seit 1991 vom Land Berlin gefördert. Es ist Bestandteil der gemeinnützigen Kulturwerk des bbk berlin GmbH. Damit ist gewährleistet, dass die Arbeit des Atelierbüros allen Bildenden Künstler*innen und nicht nur Verbandsmitgliedern zu Gute kommt. Zugleich ist das Büro den ateliersuchenden Künstler*innen selbst verpflichtet und nicht als Verwaltungsbestandteil oder als Auftragnehmer des Senats politisch weisungsgebunden.

Das war und ist auch zukünftig wichtig: Ein Atelierbeauftragter muss, soll er im Sinne der Künstler*innen erfolgreich sein, die Verwaltung konstruktiv kritisieren und Forderungen an die Landespolitik auch öffentlich vertreten können. Sonst wären etwa Vorhaben wie die Erhaltung und Entwicklung des "Hauses der Statistik", die maßgeblich vom Atelierbüro ausgingen, ebenso undenkbar wie das erfolgreiche Eintreten für Atelierstandorte, die im Rahmen der Berliner Liegenschaftspolitik zur Disposition standen.

Zusammenarbeit Atelierbüro, Kulturverwaltung, GSE

Die Grundlage des Atelieranmiet- bzw. Sofortprogramm ist seit 1993 eine enge und partnerschaftliche Kooperation zwischen der GSE, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Atelierbüro:

Die GSE - Gesellschaft für Stadtentwicklung mietet für Ateliernutzung geeignete Räume als Generalmieter an und schließt mit Künstler*innen Untermietverträge zu tragbaren Bedingungen. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa finanziert über ihren Haushalt die Servicegesellschaft GSE und damit die Mietdifferenz zwischen (hoher) Hauptmiete der GSE und der wesentlich geringeren Künstler*innenuntermiete. Das Atelierbüro spielt eine wichtige Rolle bei der Anbahnung neuer Anmietprojekte, organisiert die transparente Ausschreibung und Vergabe von Ateliers und ist Geschäftsstelle des vom Land Berlin berufenen Beirats, der die Vergabeentscheidungen trifft.

Probleme seit 2016

Seit 2016 funktioniert diese Zusammenarbeit bei weitem nicht mehr so gut, wie das über Jahre Praxis war. Gegen unseren Rat wurde das Atelieranmietprogramm zu einem spartenübergreifenden Infrastrukturförderprogramm ausgeweitet. Zugleich wurde ein Investivprogramm für den Ausbau von Musikübungsräumen zu einem ebenfalls spartenübergreifenden Investivprogramm für Arbeits- und Übungsräume aller Art aufgebaut und zur baulichen Ertüchtigung von Bestandsobjekten erweitert. Beides zusammen nennt die Verwaltung nun "das" Arbeitsraumprogramm.

Die damit verbundenen Probleme sind lange unterschätzt worden und sind größerenteils ungelöst. Um Stichworte zu nennen: 

  • Ein Anmietprogramm, das für Ateliers entwickelt wurde und dafür geeignet ist, ist für andere Sparten, insbesondere die performativen Künste, so kein geeignetes Förderinstrument.
  • Die Kulturverwaltung konzentriert Aufmerksamkeit und Budgets auf landeseigene Liegenschaften, die aber nicht in ausreichender Zahl und zumeist erst nach jahrelangen Entwicklungsprozessen zur Verfügung stehen. Der Ateliernotstand aber ist jetzt aktuell, und da hilft nur ein Ateliersofortprogramm.
  • Die bis 2016 partnerschaftliche Kooperation mit dem Atelierbüro z.B. in der Projektentwicklung ist seit 2016 beendet worden. Neue, spartenübergreifende und wirklich funktionierende Informations- und Kooperationsstrukturen sind leider nicht an ihre Stelle getreten. Das führt dazu, dass das Atelierbüro selbst an der Entwicklung von Standorten und Projekten, die es angebahnt hat, nicht mehr beteiligt ist und selbst über aktuelle Bearbeitungsstände nicht informiert wird.
  • Das "Arbeitsraumprogramm" ist zwischen Kulturverwaltung und GSE zentralisiert, die Einbeziehung der Expertise des Atelierbüros und der Raumkoordinatoren der anderen Sparten in die Alltagsarbeit gelingt nur unvollkommen.
  • Kulturverwaltung und GSE konzentrieren Budgetierungen, Projektentwicklung und Bauaufgaben bei sich, sind dafür aber nicht ausreichend ausgestattet – hier ist die Einbeziehung zusätzlicher Kompetenz erforderlich.

 

Das Atelierbüro hat schon im Herbst 2017 zahlreiche Vorschläge zu Effektivierung des Programms vorgelegt

Das Atelierbüro hat bereits im Herbst letzten Jahres zahlreiche Vorschläge gemacht, wie die Wirksamkeit der deutlich erhöhten Budgets gesteigert werden könnte (für 2019 addieren sich Anmiet-und Investivmittel auf rund 8 Mio. Euro). Dazu würde die Erarbeitung von spartenspezifischen und bedarfsgerechten Programmlinien wie die des Atelierbüros gehören. Auch Investitionsmittel für z.B. Projekte von Künstler*innengruppen, Genossenschaften, landeseigenen Gesellschaften müssten flexibel zur Verfügung stehen. Generell wäre eine Diversifizierung und Flexibilisierung der Arbeit und der Kommunikationswege im Rahmen des Arbeitsraumprogrammes notwendig.

Nicht in die richtige Richtung gehen Überlegungen aus Teilen der Berliner Landespolitik, das "Programm" eher noch stärker zu zentralisieren. Das gilt erst recht dann, wenn damit die Zusammenarbeit mit dem aus der künstlerischen Arbeit entwickelten Sachverstand weiter eingeschränkt, Atelierbeauftragter und Atelierbüro in Frage gestellt oder als eigenständige Akteure direkt abgewickelt werden sollen.

Klar ist: ohne ein eigenständiges und unabhängiges Atelierbüro, das durch seine Verankerung in der Berufsvertretung ein Mandat der Künstler*innen hat, würde sich das Land Berlin aus einer systematischen und in die Breite gehenden Atelierförderung verabschieden.

Generell: Arbeitsraumprogramme für die Freie Kunstszene können nur in Zusammenarbeit mit ihr entwickelt und realisiert werden. An die insgesamt erfolgreiche Kooperation zwischen Atelierbüro - Kulturverwaltung - Servicegesellschaften (GSE) zwischen 1993 und 2016 kann doch umstandslos wieder angeknüpft werden. Daran arbeiten wir weiter. Dass es in der Berliner Landespolitik überhaupt ein Problembewusstsein gibt, macht uns Hoffnung, denn die tatsächlichen Probleme müssen auch schnell angegangen werden – die Zeit drängt.

 

Bernhard Kotowski (Geschäftsführer)
Dr. Martin Schwegmann (Atelierbeauftragter)