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Aus dem Kulturwerk: Was der Atelierbeauftragte gegen den Notstand tun will

Artikel im Tagesspiegel vom 06. September 2014 von Anna Pataczek

Atelier ade

Berlin sei der wichtigste Ort in derWelt, an dem neue Kunst entsteht, heißt es. Doch der Platz dafür wird immer knapper. Atelierhäuser und Werkstatt-Etagen werden verdrängt, um Wohnraum Platz zu machen. Dabei gibt es Ideen, beides miteinander zu verbinden.

„Mit drei Kaufhäusern wäre es getan“ - Was der Atelierbeauftragte gegen den Notstand tun will

Herr Schmidt, es gibt zu wenige Ateliers in Berlin. Sie sagen, selbst neue zu bauen, müsse nicht teuer sein?
Laut einer Studie der Berliner Architekten von Raumlabor, diewir imNovember als Buch vorstellen werden, kann man Ateliers zu Baukosten herstellen, die bezahlbare Mieten ermöglichen. Sie würden bei etwa fünf Euro pro Quadratmeter liegen. Allerdings vorausgesetzt, dass das Grundstück umsonst dazukommt. Das heißt,wenn das Land Berlin oder auch Privatleute ein Grundstück zur Verfügung stellen, dann können dort Ateliers entstehen, ohne dass weitere Subventionen nötig sind. Das ist ein Potenzial. Denn es ist nur bedingt sinnvoll, galoppierendenMieten hinterher zu subventionieren. Im Herbst wollen wir ein Modellprojekt anschieben.
Was haben Sie vor?
Wir wollen Gruppen von etwa 20 Künstlern zusammenbringen, die die Planungen begleiten und gemeinnützige Baugenossenschaften oder GmbHs gründen.Und dannwerden innerhalb eines Jahres mehrere Pilotprojekte realisiert.
Und wo ist dafür in Berlin Platz?
Ich habe schon eine Innenstadtfläche im Blick. Aber wenn ich einen Regeltyp beschreiben sollte, wo so ein Bau wahrscheinlich wäre, dann wären das Orte, die in der Semi-Peripherie liegen: in der Nähe des S-Bahnrings. Flächen, die sich neben anderen leer stehenden oder schwierig zu nutzenden Liegenschaften befinden, mit denen im Moment immobilienwirtschaftlich nicht viel anzufangen ist, die aber verkehrstechnisch ganz gut angebunden sind. Kein öffentlicher und auch kein privater Eigentümer verliert damit etwas. Es ist sogar interessant für sie, weil es vielleicht eine Entwicklung in dem Gebiet anstößt. Allerdings brauchenwir eine gesundeMischung von Zwischennutzungen über 15 Jahre und dauerhaften Nutzungen.
Aber was macht diesen Neubau so günstig?
Das ist eine modulare Architektur, die sich an Industriebauten, an Reitställen oder Containern orientiert, so einfachwiemöglich. Normalerweise wendet man die nicht für Gewerberaum an. Aber in diesem Fall ist das möglich. Denn Künstler brauchen keinen Komfort, sie brauchen nur Licht, einen Lastenaufzug, wenn das Atelier nicht ebenerdig liegt, und Sanitäranlagen. Deswegen brauchen wir zunächst Pilotprojekte, weilman sehenmuss,welche Standards in Sachen Brandschutz und Isolierung erfüllt werden müssen.
Für welchen Bauherrn ist das attraktiv?
Das ist ja eigentlich das Spannende daran, dass das Betreibermodell durch die Künstler selbst aufgebaut werden kann. Man könnte ihnen Grundstücke für 15 bis 30 Jahre in Erbbaurecht überlassen, in demZeitraumrechnet sich so etwas, ohne Subventionen. Wenn das Schulemacht, dann könnte das einen richtigen Atelierbau-Boom auslösen.
Wie viel Atelierraum fehlt zurzeit?
Ich sage immer: Mit drei Kaufhäusern wäre es getan in Berlin.Das ist gar nicht so viel. ImVergleichdazuistderBedarfanStudentenwohnheimen eine größere Hausnummer. Und der Flächenbedarf für sozialen Wohnungsbau bedeutet einen unfassbaren Berg an Arbeit. Aber den Bedarf anAteliers könntenwir in fünf Jahren zu einemwesentlichenTeil decken.
Welche anderen Strategien verfolgen Sie?
Erstens müssen wir die Zusammenarbeit mit den Wohnungsbaugesellschaften verstärken, damit in neuen Siedlungen Raum für Kunst gleich mitgedacht wird, genau wie es für Bildung bereits geschieht. Zweitens werden im Zuge der neuen Liegenschaftspolitik öffentlicheGrundstücke überKonzeptverfahren an Investoren verkauft oder verpachtet.Die Idee entscheidet über den Zuschlag. Man könnte bezahlbare Atelierräume in die Ausschreibungen gleich mit einbauen, so wie auch bezahlbarer Wohnraum eingefordert wird. Viertens sollte das Land Berlin verstärkt Atelierhäuser langfristig im Kulturvermögen verankern und zu
Betriebskosten an Künstler vermieten.
Wie schnell, denken Sie,werden Ihre Lösungsvorschläge greifen?
Um den aktuellen Ateliernotstand zu bekämpfen, brauchen wir Kooperationen mit privaten und öffentlichen Eigentümern, die über schlüsselfertige Immobilien verfügen, zum Teil nur zur Zwischennutzung über fünf bis zehn Jahre. Die laufenden Mittel aus dem Anmietprogramm sind allerdings schon gebunden, eine Erhöhung ist erst ab 2015 möglich und auch dringend geboten.Die Effekte der anderen Strategien werden wir in ein bis zwei Jahren spüren – aber erst mal müssen diese Wege auch die Zustimmung der Politik finden.

Das Gespräch mit Florian Schmidt führte Anna Pataczek.

  

Atelierbüro im Kulturwerk des bbk berlin GmbH

Köthener Straße 44

10963 Berlin

tel 030 230 899-21 Dr. Martin Schwegmann (Atelierbeauftragter)
tel 030 230 899-22 Birgit Nowack (Atelieranmietprogramm)
tel 030 230 899-23 Anna Fiegen (Atelieranmietprogramm)

tel 030 230 899-20 Kati Gausmann (Mietpreisgebundene Ateliers und Atelierwohnungen)


fax 030 230 899-19

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  Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa Abteilung Kultur