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Bildende Kunst im Dschungel des Fondswesen

Podiumsdiskussion am 12.11.2003 im Hamburger Bahnhof

Bildende Kunst im Dschungel des Fondswesens - Der Wettbewerb um staatliche Förderung

mit
Adrienne Goehler (Hauptstadtkulturfonds)
Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien)
Annette Tietz (Brechthaus Weißensee)
Heike Baronowsky (Künstlerin, Berlin)
Dietgar Pforte (Stiftung Kulturfonds Berlin)
Moderation: Elfriede Müller (Kulturwerk des bbk berlins)

12. November 2003 im Aktionsraum der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart Berlin, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin


Das Ziel unserer heutigen Veranstaltung ist es, die bildenden Künstler und Künstlerinnen über die Berliner Förderungsmöglichkeiten zu informieren, diese zu hinterfragen und in einen kulturpolitischen Zusammenhang zu stellen. Im Zentrum der heutigen Diskussion steht die Arbeit von öffentlichen Kulturstiftungen, d. h. dem Hauptstadtkulturfonds, der Stiftung Kulturfonds und dem Bezirkskulturfonds, was nicht heißt, dass andere Fördermöglichkeiten nicht thematisiert oder angesprochen werden können.
Die programmatische staatliche Kulturfinanzierung und -förderung begann im 19. Jahrhundert und erlebte hierzulande ihren Höhepunkt Mitte des letzten Jahrhunderts. Die staatliche Förderung der Kultur hat, wie alles im Leben, zwei Seiten. Sie diente einerseits der Demokratisierung des öffentlichen Lebens und übte andererseits eine Kontrolle auf dieses öffentliche Leben aus.

Die öffentliche Kulturförderung war Teil einer Sozialpolitik, deren Ziel der Ausbau eines umfassenden Sozialstaates war. Das Ausmaß staatlicher Förderung der Kultur war immer eine Messlatte für den Zustand der sozialen Errungenschaften in diesem Land. Deshalb interpretieren wir auch den offensiven Rückzug des Staates aus der Kulturfinanzierung als Teil der Verabschiedung des sozialstaatlichen Modells überhaupt.

Die zahlreichen Gründungen von Fonds und Stiftungen in den letzten Jahren verdeckten die brutalen haushälterischen Einschnitte. Oft werden die Kürzungen institutioneller Mittel deshalb weniger wahrgenommen. Man glaubt, Verschiebungen zu erkennen, die manchmal sogar mit dem Begriff der „Reformen“ daherkommen, ein Begriff der bis vor wenigen Jahren noch ein Synonym für die Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten war.

Die Mittel der Stiftungen und Fonds dienen zumeist nicht der kontinuierlichen Basisarbeit, sondern gelangen bei öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen zur Anwendung. Damit garantiert das Fondswesen dem Staat ein großes Repräsentationspotential und verschleiert ein wenig die Grausamkeit der alltäglichen Einschnitte in die Kulturhaushalte. Die Kritik an diesen Einschnitten wird schnell mit einem lockeren Hinweis auf die demokratisch verteilten und oft hohen Fonds-Beträge zurückgewiesen. Dass diese Fonds-Beträge niemals einen Ersatz für eine strukturelle Förderung darstellen werden, gerät bei einigen spektakulären Summen schnell in Vergessenheit.

Durch die Ausbreitung und Verallgemeinerung des Fondswesens entsteht neben dem freien Kunstmarkt ein neues, von Konkurrenzprinzipien geleitetes ökonomisches Feld, in dem derjenige als erfolgreich gilt, der die meisten Projektförderungen und die höchsten Projektsummen erhält. Wie hoch die Messlatte für die Förderung liegt, werden uns heute Abend Frau Goehler und Herr Pforte erklären.

In Berlin mit seiner desastreusen finanzpolitischen Lage kommt dem Fondswesen die Rolle eines Retters in der Not zu. Denn einerseits kaschiert es die gegen Null laufenden Kulturhaushalte und andererseits scheint doch ein gewisser Aktivismus stattzufinden, und künstlerische Vorhaben scheinen eine Chance (wenn auch zunächst nur eine abstrakte) zu bekommen. Der haushaltspolitische Stillstand und die Kürzung der Mittel gerät angesichts der Presseschlagzeilen zum Fondswesen fast in den Hintergrund. Das neoliberale Fondswesen wird für Sozialdemokraten, Grüne und Sozialisten zum Mittel, eine konservative Kulturpolitik zu etablieren. Alternativen zum Fondswesen scheinen längst keine Rolle mehr zu spielen. Das Fondswesen ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der öffentlichen Kulturfinanzierung und des öffentlichen Verwaltungsabbaus in der Kultur.

Doch wen betrifft das Fondswesen eigentlich? Eigentlich alle, denn jede und jeder kann einen Antrag stellen. Die ursprüngliche Idee wollte der Off-Szene eine Chance geben, jenseits der institutionellen Förderung Mittel zu erhalten. Besonders innovative Projekte sollten unterstützt werden. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Da staatlichen Kulturinstitutionen die Mittel immer mehr zusammengestrichen werden, kämpfen hier wirklich alle gegen alle. Das heißt, große Institutionen beantragen Mittel, die ihnen gestrichen wurden, bildende KünstlerInnen legen ein Projekt vor, um es in einem bestimmten Zeitraum zu realisieren. Die Gleichheit gerät damit ins Wanken, die Jurys sehen sich mit einer ungleichen Konkurrenz konfrontiert. Im übertragenen Sinn: Formel 1-Rennfahrer und Fahrradfahrer bewerben sich gleichzeitig um große und kleine Mittel, damit sie einfach nur weiter fahren können. Damit wird das Gleichgewicht zwischen den nicht-institutionellen Initiativen und den staatlichen Institutionen gestört, die Verhältnismäßigkeit geht verloren.

Das Fondswesen birgt folgende Gefahren für die Kunst und die KünstlerInnen:

1. Das Fondswesen führt in den Institutionen und bei den nicht institutionalisierten Initiativen zu einem neuen Arbeitsrhythmus, der sich vor allem auf Abgabetermine und die Bekanntgabe von Ausschüttungen konzentriert. Darunter leidet sowohl die systematische und langfristige Arbeit, als auch die Aufrechterhaltung institutioneller Bestände. Eine langfristige Projekt- und Arbeitsplanung und auch die individuelle Lebensplanung von KünstlerInnen wird damit erschwert.

2. Die Fonds ersetzen nach und nach die bisherige Kulturpolitik. Wo die Verwaltung nichts mehr verteilen kann und wegen der fehlenden Mittel keine neuen kulturpolitischen Akzente gesetzt werden können, liegt die kulturpolitische Bedeutung von nun an in den Händen von ausgewählten Jurys und Fonds-Kuratoren.

3.Die Zugehörigkeit zum institutionellen Kulturbereich bekommt bei der Einwerbung von Mitteln eine immer größere Bedeutung. Mit Blick auf die Geförderten lässt sich feststellen, dass ohne die Reputation von etablierten Institutionen und deren Beziehungsgeflechte sich diese neuen Mittel kaum erschließen lassen. Die nicht-institutionelle Projektarbeit kann sich angesichts dieser Konkurrenz nur schwer behaupten.

Doch birgt das Fondswesen auch einige Chancen:

1.Das Vergabe- und Auswahlprinzip durch Jurys ist demokratisch: Jede und jeder kann sich bewerben und hat die Chance gefördert zu werden. Kiezinitiativen stehen – zumindest theoretisch – gleichberechtigt neben altehrwürdigen staatlichen Museen. Das eröffnet neue Möglichkeiten für KünstlerInnen, die im außer-institutionellen Raum arbeiten wollen.

2.Das Fonds-Wesen eröffnet neue Tätigkeitsfelder für KünstlerInnen in der Projektentwicklung und im Projektmanagement.

3.Das Fonds-Wesen eröffnet weitergehende Möglichkeiten für künstlerische Grenzbereiche und Projektformen, die zwischen den Genres, zwischen den sozialen Klassen und zwischen den Kunstrichtungen angesiedelt sind. Ästhetische und soziale Grenzüberschreitungen scheinen hier eher möglich zu sein, als im traditionellen institutionellen Rahmen.

Elfriede Müller und Martin Schönfeld

Das Berliner Fondswesen

Hauptstadtkulturfonds (HFK)

• 1995 März: Beschluss des Bundestages, der Berliner Kultur Bundesmittel zur Verfügung zu stellen. Der Rat für die Künste schlug vor, die Mittel durch ein vom ihm berufenes Kuratorium zu verteilen: Ausgewiesene Fachleute, nicht Vertreter von Berliner Kultureinrichtungen.

• 1996 Erste Mittelvergabe: 5 Mill. DM

• 2001 Juni: Vertrag zur Kulturfinanzierung in der Bundeshauptstadt 2001–2004 bestätigte den HKF.
Jährliche Fördersumme: 10,226 Mill. Euro.
Gefördert werden: „bedeutsame Einzelmaßnahmen und Veranstaltungen, die nationale oder internationale Ausstrahlung haben oder besonders innovativ sind.“
Vergabe der Mittel durch eine gemeinsame Kommission von Bund und Land Berlin. Sie bestellen einen Kurator. Ein fünfköpfiger Beirat unterstützt den Kurator, seine fünf Mitglieder werden vom Rat für die Künste für je zwei Jahre benannt.
Die Mittelvergabe betrug für
2001: 5,11 Mill. Euro,
2002: 9,31 Mill. Euro,
2003: 8,90 Mill. Euro,
2004: 3,10 Mill. Euro (bislang).

• 2003: Von 10 Mill. Euro gingen 8,9 Mill. Euro in die Projektförderung, die restlichen 1,1 Mill. Euro in eine Regelförderung für „Tanz im Sommer“, „Transmediale“, „berlin biennale“ und in jahresübergreifende Förderungen für mehrjährige Projekte.
Von 57 Projekten wurden 12 zur Bildenden Kunst, Architektur und Ausstellungen gefördert.

 

Bezirkskulturfonds (BKF)

1999 wurde der BKF von der Senatsverwaltung zur Stärkung der bezirklichen Kulturarbeit eingerichtet, „verwaltungsmäßig“ von ihr betreut.
Jährliche Ausschüttung: 511 000 Euro.
Zentraler Grundgedanke des BKF: die „kulturelle Infrastrukturentwicklung in den Bezirken“.

2000: Erste Ausschüttung.
Die Verteilung der Mittel an die Bezirke erfolgt nach einem „Sozialfaktor“, z. B. erhielt der Bezirk Mitte für 2001 insgesamt 130 000 DM, der Bezirk Steglitz-Zehlendorf für 2001 insgesamt 40 000 DM.
Die Beantragung der Mittel erfolgt projektweise durch Einzelpersonen oder Gruppen über die bezirklichen Fachbereiche Kultur.
Die Verteilung der Mittel erfolgte in den Bezirken bis 2002 nach den Kriterien der:
- Zusätzlichkeit, d.h. nicht als Ausgleich für Haushaltskürzungen;
- Komplementarität, d.h. anteilige Projektfinanzierung zu einer Eigenleistung der Bezirke.
Der BKF zielt auf eine zusätzliche Förderung von soziokulturellen bis künstlerischen Projekten. Der BKF dient nicht der strukturellen Finanzierung der bezirklichen Kulturhaushalte.
2002 wurden die disponiblen Mittel der bezirklichen Kulturämter um bis zu zweistellige Prozentzahlen gekürzt.

Infos:
Kultur- und Kunstämter der Bezirke
Stiftung Kulturfonds (SKF)

Stiftung Kulturfonds

• 1990 Gründung als Nachfolgerin des Kulturfonds der DDR.
Stiftungskapital 92 Mill. DM.
Stiftung der neuen Bundesländer, die durch ihre Vertreter den Stiftungsrat bilden.
Die SKF fördert zeitgenössische Kunst interdisziplinär („hervorragende künstlerische Einzelleistungen“), insbesondere in den fünf neuen Ländern und Berlin. Sie vergibt Arbeitsstipendien über 1 025 Euro für drei bis zwölf Monate.
Die Stiftung ist Eigentümerin der Künstlerhäuser Schloss Wiepersdorf und Haus Lukas Ahrenshoop, für die sie Aufenthaltsstipendien (für fünf Monate à 1 125 Euro pro Monat), besonders für interdisziplinäre Projekte, vergibt. Die Projekte werden in der Regel teilfinanziert.
Vergabe: Über die Förderungsanträge entscheidet ein Kuratorium, das aus bis zu neun vom Stiftungsrat berufenen Sachverständigen besteht. Organe der Stiftung sind der Stiftungsrat und der Vorstand.

• 1997 Austritt des Landes Sachsen aus der Stiftung unter Mitnahme seines anteiligen Stiftungskapitals.

• 2002 wurden 811 Anträge gestellt (ohne Künstlerhäuser), 158 Projekte erhielten Zuwendungen von insgesamt 1,24 Mill. Euro. Für die beiden Häuser standen 965 000 Euro zur Verfügung.

• 2003 Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen erwägen ihren Austritt und stellen damit die Existenz der Stiftung in Frage.

• 2004 Kündigung des Staatsvertrages durch die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen und Abwicklung der Stiftung Kulturfonds.

Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur von Berlin

Die aktuelle Förderung der bildenden Kunst.
Die folgenden Informationen gehen aus einer Senatsvorlage vom 1. Juli 2003 hervor und müssen durch die laufenden Haushaltsverhandlungen noch bestätigt werden.
Der Senat fördert Einzelprojekte und Kataloge mit einer Gesamtsumme von 52.670 Euro:
Davon werden 40.000 Euro als Zuschüsse für Gruppenprojekte vergeben.

• 2003 wurden 18 Projekte gefördert, davon entfallen 6 auf die Katalogförderung.
2003 schrieb der Senat 20 Arbeitsstipendien im Bereich der zeitgenössischen Bildenden Kunst für in Berlin lebende und arbeitende KünstlerInnen aus. Die Stipendien sind mit je 11.160 Euro dotiert.

  

Büro für Kunst im öffentlichen Raum im Kulturwerk des bbk berlin GmbH

Köthener Straße 44
10963 Berlin

Elfriede Müller (Leitung) • Tel: 030.230899-31
Martin Schönfeld • Tel: 030.230899-30
Britta Schubert • Tel: 030.230899-47

Fax: 030.230899-19

e-mail: kioer@bbk-kulturwerk.de

Sprechzeiten nach Vereinbarung

 

  Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa Abteilung Kultur